
So fehlte Clever also noch eine Mühle. Seinen Plan, sich für die wenigen Säcke Kaffee, die er jährlich produziert, sein eigenes kleines Labor aufzubauen, konnte ich zunächst nicht ganz nachvollziehen. Möglicherweise, da ich meine deutsche Rationalität oder das, was ich dafür hielt, noch nicht ganz abschütteln konnte. Für das Labor musste Clever den Großteil der Einnahmen einer Jahresernte aufbringen. Dabei konnte er doch stets im Dorf in Finca Churupampas Labor seine Kaffees verkosten, was er auch schon lange tat und so beachtliche Verkostungsskills erreicht hatte, an denen sich so mancher zertifizierte Q Grader eine Scheibe abschneiden könnte! Auf meine Frage nach dem Hintergrund seines Vorhabens entgegnete Clever, dass er seine Kaffees (und bei Interesse die seiner Nachbarn) gerne zu jeder Zeit und in aller Ruhe im eigenen Labor analysieren können wollte, um so noch besser Einfluss auf die Qualität nehmen zu können. Vor allen Dingen aber ging es ihm darum, das Thema Kaffeeverkostung seiner Frau Irma und ihren gemeinsamen Kindern näherzubringen und die Resultate der als Familie erschufteten (Specialty Coffee is not a Ponyfarm!) Chargen und Experimente gemeinsam probieren zu können.
Außer Clever kenne ich keine Produzierenden, die bei einer Farmgröße von wenigen Hektar, ein eigenes kleines Labor, geschweige denn die nötigen Cupping Skills besitzen. Wie noch viele weitere Besonderheiten, macht das Clever als Produzenten einzigartig. Diese Einzigartigkeit spiegelt sich auch in seinen Kaffees wider. Ich erinnere mich noch gut, wo auf dem Tisch 2021 das Muster der ersten Sidra Ernte stand. Damals nur wenige Kilos und als Natural aufbereitet, jetzt immerhin zwei Säcke und gewaschen: ein solches Zusammenspiel von komplexer Floralität und Zitrusnoten mit derartiger Tiefe und Würze ist außerhalb Äthiopiens eine absolute Ausnahme. So tragen auch seine Kaffees dazu bei, dass bei jedem Besuch in der Region ein Cupping in Clevers eigenem Labor immer wieder eine Krönung ist; ein Gedicht.